Über Hausarbeiten: Eine Redundanzanalyse

(Mein Dank gilt Michael Schonhardt, ehem. Kommilitone, der mit seinem Facebook-Kommentar über die Unmöglichkeiten, sich selbst zu zitieren, diesen kleinen Essay initiierte)

Zunächst eine Feststellung: die unten stehende Liste meiner Hausarbeiten braucht nicht gelesen zu werden (obwohl die im Titel angedeuteten Redundanzen auch hier schon eine Rolle spielen). Voraussichtlich werden diesen Text jedoch mehr Menschen lesen als alle unten stehenden Hausarbeiten zusammen. Das gibt zu denken. Zunächst die Liste:

„Armer Odradek“. Eine Interpretation von Franz Kafkas „Die Sorge des Hausvaters“
Die Mummenschanz im zweiten Teil des Faust. Eine Interpretation.
Der Portfolio: Kreatives Schreiben und gestaltendes Interpretieren.
Die Studentenbewegung von 1968 im Zeichen der Massenmedien. Die Kommerzialisierung einer Revolte.
Die Vorgeschichte des „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg. Typologischer Verweis und autonome Erzählung? Eine Analyse.
Phasen psychopathologischer Entwicklung in Schnitzlers Flucht in die Finsternis.
Die Sprache des Krieges. Die Hauptwerke von Remarque, Renn und Jünger vor dem Hintergrund der Weimarer Republik – eine Analyse.
Aus dem Reisebericht des Ritters John Mandeville. Beispiel literarischer Utopie oder modernen Bewusstseins? Eine Analyse.
Machtvorstellung oder Vormachtstellung? Arthur Schnitzlers „Reigen“ als psychoanalytisches Spiegelbild einer zerfallenden Gesellschaft im Fin de Siécle.
Herrscherkult in Athen am Beispiel von Demetrios Poliorketes.
Hi-Young Lee’s „Persimmons“. Analysis and Interpretation.
Innocence and Responsibility during times of war. Attachment and detachment in Graham Greene’s The Quiet American.
Geza von Hoffmanns Die Rassenhygiene in den Vereinigten Staaten von Amerika als Beispiel eines zielorientierten Kultur und Wissenschaftstransfers. Eine ideengeschichtliche Analyse.
Task Oriented Personal Talk. Zweckorientierter Small Talk in Verkaufsgesprächen.
Minnedialoge und –monologe der Lavinia in Heinrichs von Veldecke Eneasroman – die Anfänge des höfischen Liebesdiskurses.
Schulprogramme – Herausforderungen, Chancen, Schwierigkeiten.

Zunächst einmal muss zweierlei festgehalten werden:

  1. Diese Liste ist weder groß noch außergewöhnlich. Sie ist – so nehme ich an – relativ repräsentativ für das, was die meisten Studenten in ihrer Studienzeit zu tun haben.
  2. Jede dieser Hausarbeiten wurde (und auch das könnte repräsentativ sein) von genau zwei Leuten gelesen (oder dreien, wenn sie korrigiert wurde).

Da ja nicht nur die Studenten, sondern auch die Dozenten, die innerhalb der Semesterferien hunderte von Hausarbeiten verbessern müssen (oder es an ihre Hiwis delegieren), über diese wissenschaftliche Form der Auseinandersetzung quengeln, sollte einmal die Frage gestellt werden, warum wir uns dies antun (oder angetan haben).

Brauchte ich das Konglomerat dieser Liste, um dann meine Zulassungsarbeit zu konzipieren (die ja auch nicht veröffentlich wurde)? Eigentlich nicht.

Sollte ich dadurch das Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten lernen? Ja, das sollte ich. Aber ab der dritten Hausarbeit zieht auch dieser Kommentar nicht mehr.

Sollte ich mich damit intensiver mit dem Thema befassen? Nun ja, das steht außer Frage.

Was immer unbeantwortet sein bleibt, ist ein eigentlicher Grund, einer, der über das Verhältnis von Dozent und Student herüberreicht. Ich hätte mich gefreut, wenn doch wenigstens ein Satz aus der Hausarbeit in der Arbeit des Dozenten erschienen wäre. Aber vielleicht waren sie zu schwach. Oder haben die Dozenten uns plagiiert? Niemals!

Ein System, in dem tausende von Arbeiten, die teilweise mit sehr viel Mühe produziert wurden, die entstandenen Produkte einfach ignoriert oder als bloße Grundlage der Notengebung oder als Steinbruch für die eigenen Bücher wählt (was wir nicht wissen), ist ein wenig wie die chinesische Baupolitik des Südens.

Man baut ganz viele Häuser, aber wohnen kann darin keiner.

Würde man einen Kreis von Studenten etablieren können, die ähnliche Themen bearbeitet haben und hätte einen idealistischen Verleger – man könnte ab jetzt mit dem Binden anfangen. Denn das Material ist da!

Anstatt dessen trösten wir uns damit, dass wir ja – und das steht außer Frage – auch durch die vielen partikularisierten Themen etwas gelernt haben. Und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass man die post-universitäre Freiheit dazu nutzt, etwas zu schreiben, was möglicherweise mehr als zwei Personen interessiert.

Und das ist ja schonmal was!

Ich würde mich freuen im Gästebuch die unnötigsten Hausarbeitsthemen zu versammeln. Vielleicht können wir ein „Thema der Redundanz“ wählen. Mir würden schon welche einfallen…

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6 Kommentare zu Über Hausarbeiten: Eine Redundanzanalyse

  1. Pingback: Curriculum Vitae | Bob Blume

  2. teacheridoo sagt:

    Ganz platt formuliert liegt der Sinn einer Hausarbeit halt darin, den Studenten zu prüfen. Alternativ hätte es ja auch eine mündliche Prüfung oder eine Klausur sein können. (Über deren Sinn – Stichwort „Bulimielernen“ – sich sicherlich auch streiten ließe.)

    Inwiefern einen das Verfassen der xten Hausarbeit persönlich weiterbringt, hat sich mir allerdings auch noch nicht wirklich erschlossen. (Allerdings haben mich auch andere Prüfungsformen selten persönlich weitergebracht.)
    Traurigerweise geht es letztlich doch nur darum, eine möglichst gute Note zu erzielen, denn nur das zählt am Ende, ob nun beim Rennen um einen Masterplatz oder um einen Ref-Platz.

    „Unnötigste“ Themen sind schwer zu benennen – schließlich habe ich mir (fast) alle Themen selbst ausgesucht. 😉
    Ggf. könnte ich versuchen, die Hausarbeit zu benennen, bei der ich am Wenigsten gelernt habe. An der Stelle kapituliere ich vor der Masse unnötiger Hausarbeiten, die mir nicht wirklich etwas gebracht haben, würde aber wohl zwei Zwangs-Forschungsprojekte voranstellen, die in der Umsetzung fatal frustrierend und ohne wirklichen Gewinn für mich waren.

    Es gab noch Hausarbeiten, die haben mir richtig Spaß gemacht und dann solche, da habe ich mich durchgequält. Ggf. könnte ich zwischen den Polen „Spaß“ und „Qual“ ein Ranking all meiner Hausarbeiten erstellen.

    Vielleicht kann ich aber auch einfach nur die nennen, die mir richtig Spaß gemacht und somit viel gegeben haben. Darunter zu nennen wäre definitiv eine der zuletzt verfassten: „Droge Computerspiel.
    Wie Computerspielabhängigkeit entsteht.“
    Hat mich persönlich als auch fachlich weitergebracht. Meine Hausarbeit zum Labyrinthmotiv in Kafkas Erzählung „Der Bau“ mochte ich sehr gerne. Aber ob die sinnvoll war? 🙂

    Wirklich unnütz waren eigentlich nur jene Arbeiten, zu denen ich nie ein Feedback erhalten habe. Da wurde die Note kommentarlos eingetragen und ansonsten hörte man nie wieder was dazu. Das waren aber zum Glück nicht viele, wo das so lief.

    P.S.: Habe eben die längst fällige Verlinkung mal nachgeholt.

  3. snufkin sagt:

    Für uns gab es schon vor 12 Jahren die Möglichkeit, über die Uni eine eigene Website zu erstellen. Also hatte ich alle meine Hausarbeiten dorthin ausgelagert. Eine schwirrt (als illegale Kopie) noch immer durch ein Aufsatzportal, zwei andere sind zitiert worden, wie ich über Google feststellen konnte.
    Leider fielen die Seiten einer Serverumstellung zum Opfer.
    Dennoch – raus mit den Hausarbeiten ins freie Netz! Dann sind sie sogar zitierfähig und nicht plagiierbar 😉

  4. Luci sagt:

    „Oder haben die Dozenten uns plagiiert? Niemals!“ – Sag‘ niemals „nie“, denn um das herauszufinden, brauchst Du nur die Werke Deiner Dozenten lesen. 😉 Mir ist das jedenfalls schon mit Geringerem als einer Hausarbeit passiert. Aber, ich freue mich darüber, wenn jemandem eine Idee gefällt.

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