Reflexionen: prozessorientierte Ästhetik

Ein Essay, wahrscheinlich.

Das Schreiben des Essays ist nicht mehr nur eine Sache des Feuilletonists. Der Essay erhält Einzug in die Schule.  Die Schüler sollen die Wälder der Sprache durchforsten, sich hier und da hinsetzen und sinnieren, ihre Bäume und Blumen studieren, um dann wieder, einem Schmetterling gleich, eine neue Entdeckung zu machen. Diese Entdeckungen werden gleichsam zusammen geschnürt, lose verzurrt und führen zu einer Erkenntnis, die vor der Wanderung noch nicht gegeben war.

Geradezu zerschmetternd wirkt das ausgewählte Wort, das die Handlungen, die bei einer solchen Arbeit, einem solchen Schmetterlingsflug, beschreiben soll: Prozessorientierung. Wir orientieren uns also auf den Prozess, oder schöner, die Durchführung. Nicht das Gestaltete, sondern das Gestaltende soll im Mittelpunkt stehen. Zwei Worte – ein Hain für Freunde der Verbal- und Partizipalsubstantivierung, aber ein Novum?

Natürlich ist der Gedanke nicht neu. Winkelmanns auf die Antike Bezug nehmende These der „edlen Einfalt und stillen Größe“, also einem Kunstverständnis des geschaffenen Werks, einer natura naturata, setze der junge wilde Goethe die in der Abhandlung über Shakespeare und Erwin von Steinbach zu findende natura naturans, also die aus sich selbst schaffende Natur entgegen: Das Genie war geboren und nihilierte die nichtigen Normen.

Womit ein großes Fass aufgemacht wurde, nicht nur in Bezug auf das Genie, sondern vor allem hinsichtlich der letzten beiden Absätze. Ist die Alliteration im dritten Absatz gewollt? Ergab es sich aus dem Flug? Wie steht es mit der meist mündlich gebrauchten Fassmetapher in dieser Strophe? Und schließlich: sind diese Fragen rhetorisch oder ernst gemeint?

Um dies zu beantworten, muss der Essayschreiber, der sich bis jetzt hinter kühnen Behauptungen und altklugen Vergleichen versteckte, um seine eigene Unklarheiten von den Lesern zu verschleiern, hinter den Zeilen hervorkommen. Der Schmetterlingsflug soll ja nicht nur dem Schmetterling etwas bringen, sondern auch, na, wem überhaupt? Und so einfach kann der Schreiberling mit einer neuen Frage, einem schnellen Abbiegen im Flug, einem neuen Fass, der Wahrheit über sein eigenes Ich aus dem Weg gehen. Schön, dass etwas gleichzeitig so existentiell und so belanglos sein kann. Aber da der Leser – ja endlich kommen Sie auch ins Boot (um eine weitere abgenutzte Metapher zu gebrauchen) – ja nun schon mit Spannung darauf wartet, dass der geheimnisvolle Schreiber sein Gesicht zeigt, soll er nicht enttäuscht werden.

Nur noch ein paar sich spielend streichelnde Äste des im Wind der Reflexion stehenden Sprachwaldes. Nur ein paar bunte Blumen des blühenden Wortes. Nur noch eine Alliteration, eine Assonanz, ein Genitivmetapher – wenn Sie nicht wissen, was hier gemeint ist, lesen Sie den Absatz nochmals. Ein Flug, ein Fass, ein Prozess. Vorhergehend: Akkumulation: Zweck: unbekannt.

Und als letztes die erlösende Aposiopese: Ich bin…

Ein Essay, wahrscheinlich.

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