ANALYSE: Missstände in Deutschland oder die Suche nach dem Problem

Vor einer Stunde schrieb ich einen Freund an, um ihn zu fragen, was ihn umtreibt. Worüber würde er einen Text lesen wollen? Er war sich unsicher, denn ich platzte auch mit der Tür ins Haus.

Missstände in Deutschland, vor allem politische, war seine Antwort.

Über ein so riesiges Feld zu schreiben, ohne sich dabei in Einzelheiten zu verlieren, fällt schwer. Darum sei hier „nur“ eines angedeutet.

Missstände sind immer da, wo die Menschen das Gefühl haben, nicht glücklich sein zu können. Wovon das Glück dabei abhängt, ist das, was jeder Einzelne herausfinden soll.

In einer Gesellschaft wie der Deutschen, die unlängst von einer Studie zu dem Land gemacht wurde, auf das die anderen europäischen Staaten aufschauen, ist es für diejenigen, die eigentlich genug Geld hätten, um auszukommen, eigentlich fast schon ein Sport geworden, Dinge herauszufinden, die vielleicht nicht stimmen und das eigene Glück verwehren.

Dies solle nicht bedeuten – das sei hier explizit gesagt, dass es keine Missstände gäbe. Was es heißt, ist, dass die durch die eigentlich ökonomisch unabhängige Klasse, die man lange schon nicht mehr der Mitte zuordnen kann, Probleme gesucht werden, die man angehen sollte, anstatt sich den Problemen zu widmen, die es tatsächlich schon gibt. Man sieht das eigene Glück vor lauter Bäumen nicht mehr, die gepflanzt werden, anstatt sich den ausgewachsenen Gewächsen zu widmen, die uns die Sicht auf das Wesentliche verstellen.

Das führt nicht nur dazu, dass die Schwerpunkte nicht mehr auf gesellschaftlichen, sondern auf ökonomischen liegen, die meist so schwierig sind, dass sie die Meisten gar nicht verstehen können.

Und da kommt die Politik ins Spiel. Eines ist klar: sie ist wichtig, ohne sie hätte Europa noch mehr Probleme, als es ohnehin schon hat. Die deutsche Politik repräsentiert allerdings dabei einen Trend, den die meisten europäischen Staaten fraglos nachahmen: schlichte Reaktion, anstelle geplanter, durchdachter Aktion. (Agiert ein Politiker, so Obama bei seiner Gesundheitsreform, gibt es einen Aufschrei! Lieber wieder neue Probleme schafften, als alte angehen.)

So scheint es kein Wunder, dass bei einer so wichtigen Frage wie der Kernenergie eine fruchtbare Diskussion durch die wundersame Wandelbarkeit der deutschen Regierung im Keim erstickt wurde.

Die Werke sind unsicher, also müssen sie weg. Japan hat es gezeigt. Wo waren denn die Herren, die nicht nur die Sicherheit, sondern die Menschen gesprochen haben? Diejenigen, die über Vorteile des einen, anstatt über Nachteile des anderen sprachen.

Und genau das machen die meisten Menschen, deren Probleme eigentlich zu klein sind, als dass sie die Lust nach Problemen, die in unserer Gesellschaft verankert ist, befriedigen könnte. Wir reagieren, anstatt zu agieren. Wir wünschen uns einen Porsche, anstatt den Ausblick aus dem Zugfenster zu genießen.

Vielleicht wären wir schon glücklicher, wenn wir es der Politik vormachen würden, dass man auch ohne Probleme glücklich sein kann.

Wenn wir das schaffen, brauchen wir nicht ständig neue Problembäume pflanzen, sondern können uns dem Fällen derer widmen, die uns die Sicht versperren.

Dieser Beitrag wurde unter B-Seite, Literatur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.