In der Lehrprobe (frei nach Franz Kafka)

Wenn irgendein hinfälliger, nervenzerstörter Referendar im Klassenzimmer auf schwankenden Beinen vor unermüdlichen Schülern vom gutachtenschwingenden erbarmungslosen Direktor monatelang ohne Unterbrechung mit Vertretungsstunden getrieben würde, vor der Tafel schwirrend, schülermotivierende Einstiege werfend, in der Problemorientierung sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter den nichtaussetzenden Erwartungen der Eltern und des Regierungspräsidiums in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Schwätzen der Schüler, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Fachleiter den langen Gang zwischen den Tischen hervor, stürzte an die Tafel, rief das: Halt! durch das Sirren der sich immer anpassenden Schulglocke.
Da es aber nicht so ist; eine junger, motivierter Referendar, ausgeschlafen und vorbereitet hereinfliegt, zwischen der Klassenzimmertür, welche der stolze Hausmeister vor ihm öffnet; der Direktor, hingebungsvoll seine Augen suchend, in Tierhaltung ihm entgegenatmet; vorsorglich ihm eine Stelle besorgt hat, als wäre er sein über alles geliebter Enkel, der sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Gutachten abzugeben; schließlich in Selbstüberwindung es fertig stellt; vor dem Klassenzimmer mit offenem Munde einherläuft; die zu spät kommenden Schüler mit scharfen Blickes verfolgt; sein pädagogisches Feingefühl kaum begreifen kann; mit Nachsitzen zu warnen versucht; die unruhigen Schüler wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor der Stunde alle Schüler mit aufgehobenen Händen beschwört, sie mögen schweigen; schließlich den Referendar von der Lehrprobe abholt, ihn umarmt und keine Huldigung der Prüfer für genügend erachtet; während er selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Kreidestaub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen sein Glück mit der ganzen Schule teilen will – da dies so ist, legt der Unterrichtsbesucher das Gesicht auf den Bewertungsbogen und, in der Ergebnissicherung wie in einem schweren Traum versinkend, bewertet er, ohne es zu wissen.

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