Freiburger Inseltum

Eigentlich merke ich immer erst, was Freiburg heißt, wenn ich gerade nicht da bin. Wenn ich mich in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet (und lasst jetzt die Kommentare, von wegen, da sei es so grün) umschaue, Häuser der 50er und 60er Jahre sehe, in den Boden gerammt als Reaktion auf Wohnungsnot;

Wenn ich Menschen sehe, die es in Freiburg gar nicht gibt.

Manch ein Freiburger machte schon große Augen, wenn ich über den Typus des unpolitischen Nazis redete, gelber, kurz-getrimmter Pottschnitt – welch Wortwitz – Markensport-Sweat Shirt, mit großem Logo, anliegender Jeans, die die Sportschuhe einer anderen Marke verdeckt, schlendernder Gang, Kaugummi-kauend.

Diese Menschen waren nie auf den Nazi-Aufmärschen zu sehen, die in Dortmund etwa drei mal im Jahr stattfanden, als ich noch zur Schule und auf die Gegendemonstrationen ging.

Aber Ausländer finden sie halt irgendwie scheiße.

Wenn man aus Freiburg kommt, es mag – denn über seine Schönheit, seine tief in die Vergangenheit reichende Geschichte, seine oftmals aufgeschlossene Mittelschicht, die ihre Kraft aus dem studentischen Milieu zieht, braucht man eigentlich nicht mehr reden (wenn doch, klickt diesen Link an), dann müssen einem solche Erzählungen wie Märchen vorkommen.

„Meinst du nicht, du übertreibst ein Bisschen“, hallt es da aus dem aufgeklärten Ohr.

Wer einmal aus dem Dortmunder Bahnhof gelaufen ist, weiß, dass sich dort Gestalten tummeln, an die 20, die man in der Form in Freiburg nicht zu Gesicht bekommt. Konkreter: die ich in nunmehr 10 Jahren, in denen ich in Freiburg lebe, nicht zu Gesicht bekommen habe. Es sind Personen, die weit über die Grenze des Unpolitischen gehen. Es sind aber auch Menschen, die zum Teil keine andere Möglichkeit für sich selbst sehen.

Als ich meinen Zivildienst in einer Jugendbildungsstätte (eine Art autarke Jugendherberge) machte, begegnete mir ein waschechter Neo-Nazi. Einer, wie man ihn sich vorstellt, wenn man an das Wort denkt. Er war klein gewachsen, schwarze Bomberjacke, Kahlrasur und Springerstiefel. Seine Klasse aus Gelsenkirchen-Horst war in unserer Herberge.

Das fantastische war, dass sie sich mischten, zuhörten, wie der abgedrehte Bo – mein Zivi-Kollege mit langen ungewaschenen Haaren seine eigenen Lieder trillerte.

Und ich mittendrin, mit der missionarischen Mission: Toleranz!

„Mein Freund“, sagte der Kleine zu mir. „Ich bin solange ich denken kann in meiner Gegend von Ausländern verprügelt worden (dass wir uns nicht missverstehen, ob das stimmt, weiß ich nicht), bis ich mich kahl rasierte und diese Jacke kaufte. Seitdem habe ich meine Ruhe.“

Da bleiben einem die gut vorbereiteten Argumente im Halse stecken. Ein weiterer etwa 14 jähriger, aggressiver Junge aus Oberhausen, der mich als Drückeberger bezeichnete, da ich nicht beim Bund war, drohte mir mit seiner Gang (er wählte eine aus dem Nationalsozialismus stammende Bezeichnung dafür, die ich vergessen habe) und sorgte dafür, dass die gesamte Klasse auf dem Parkplatz das Deutschlandlied sang – alle Strophen.

Solche Beschreibungen klingen hart und sie reflektieren mit Sicherheit nicht die Mehrheit des Ruhrgebiets, das sich ja vor nicht allzu langer Zeit als Kulturhauptstadt präsentieren konnte. Aber sie verdeutlichen doch, dass Freiburg, so schön es ist, auch eines ist: eine Insel.

Manchmal denke ich, dass man sich dieses Freiburger Inseltum vergegenwärtigen sollte, um noch einmal mehr zu schätzen, was uns die Stadt, die Umgebung und die Menschen geben. Denn eines ist sicher: auf dem Festland sieht es oftmals anders aus.

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Ein Kommentar zu Freiburger Inseltum

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