Edeka-Triptychon

Schon die ersten Schritte sind ein Schlag ins Gesicht. Fette Würste überall. Und man ist erst beim instant Bäckerei-Stand, in dem die grundlos glücklich drein schauenden Fachverkäuferin mit einem freundlichen Blick die dichte Teigmasse des vergangenen Tages mit einem Wink in dein Gesicht klatscht. Die Wut schäumt schon, aber noch nicht über. Die kläglichen kleinen Spiegel nach dem Eintritt suggerieren noch mehr glänzendes Obst, das dich anstrahlt in seiner homogenen Makellosigkeit als Abzeichen einer perfekten Gesellschaft, in der Schneewittchen immer noch schlafen würde, da die Äpfel, die Mengen von Äpfeln, dupliziert durch die Spiegel und mit niedlichen Kosenamen versehen schon nicht mehr einschläfernd wirken, sondern kontinuierlich und langsam töten. Will man den direkten Overkill geht man zum Fleisch. Aber noch nicht. Noch hängt ein letzter schiefer Blick an den Zeitschriften und den pornographischen Inhalten luftleerer Magazine, die vor farbenfrohen Überschriften förmlich um Hilfe schreien, so laut, so laut, dass es in deinem Ohr klingt wie der letzte Hilferuf einer sterbenden Tierart. Man bildet sich keine Meinung mehr, sondern Furunkel, die man mit Zeitschriften über neue Krankheiten und den neuen Arzt oder die neue Medizin oder die neue Medizinerin des neuen Arztes exklusiv beim Samenspenden mit der Ex und unter Tränen des Mitleids für den absurd flachen Schreiberlings zu bekämpfen hat. „Gott sei Dank“, denkt man, man schreit „Gott sei Dank!“ bin ich ja hier um was zu essen zu kaufen. Aber während auf der anderen Seite der Welt Millionen von Menschen verhungern und ihnen nur noch das bisschen Ruhm bleibt als erschütterndes Beispiel eines vormals menschlichen Körpers auf den Flachbildschirmen der schönen und reichen Welt zu flackern, bevor die schon stinkenden Kadaver in einem Massengrab entsorgt werden, kann ich mich nicht zwischen den Apfelnamen entscheiden und nehme vor lauter Verzweiflung eine Kulturzeitung, damit ich mir selbst suggerieren kann, dass ich wertvoll bin. Die Frische wird sowieso überbewertet, denke ich, während ich in die vor Selbsthass angestrengten unebenen Barackengesichter meiner Miteinkäufer schaue, die den letzten kläglichen Rest ihres Lebens, den sie noch haben, in Neonlicht und pisswarmer Radiomusik verbringen wollen, damit wenigstens diejenigen, die von ihnen abgestoßen sind noch dafür sorgen, dass man sie sieht. Also los und weiter zu den Instant-Produkten, deren vergifteten Inhalt, sofern überhaupt noch etwas in der Packung ist, wenn man die Farben zu Zusatzstoffe und Verstärker und Verdünner und Konservierer und Fruchtbringer und Kräftiger und Verwässerer abzieht, man ja nicht sehen kann, „Gott sei Dank nicht sehen kann“, denke ich in der Schärfe zum zweiten Mal, denn eigentlich bin ich ja Agnostiker. Und würde ich an Gott glauben dann wäre er nicht hier.

Es stinkt nach zu vielen Leuten, die nicht stinken wollen und deshalb in den Regionen, in denen der Körper die anziehenden Stoffe der erotomanen Begierde erzeugt ihre Instantdosen ausfüllen; sie schütten sich zu, kleistern sich voll mit schöngeistiger Werbeinformation, doch schauen aus wie Hugo und nicht wie Boss.

Die Bio-Tante bückt sich nach Bio-Eiern, die von Bio-Hühnern auf einem Bio-Bauernhof von einem Bio-Bauern auf biologische Weise aus dem Stück Fleisch geprügelt wurden, das einen Stockwerk weiter unten als Biofleisch in dem Supermarkt nach Wahl des ignoranten Fleischliebhabers unter rot leuchtenden Frischelampen verkauft wird. Sie sieht dabei aus, als sollte sie öfters gesünder essen oder wenigstens ihre Poren nicht direkt in den Magerquark drücken, den ich mir schon völlig vereitert vorstelle von allen den pickligen und nach Scheiße riechenden pubertären kleinen Wichsern, die hier vorbeieilend zum harten Alkoholika ihre Unreinheit an der Bar vorbeispritzen. Die Wut wird mehr, sie schäumt, die Zeit heilt zwar die Wunden, aber nicht die Ursachen. Die dicke Fleischwarenfachverkäuferin massiert ihren Damenbart mit den fleischigen, in weiße Handschuhe verpacken Dickfingern und es scheint ihr der Sinn der durch ihre Handschuhe zu fördernden Hygiene völlig zu entgehen. Dann kein Fleisch, kein fettes armes Tier vom fetten, armen Bauern in der verfettet vergifteten Idylle der landschaftlichen Einöde, die sich selbst so sehr genügt, dass sie ständig wiederholen muss, wie verkommen die Stadt ist.

Schon bin ich am Ende und stelle mich an, obwohl ich nichts habe, nichts habe als Wut, aber davon viel und ich frage mich, ob 50 Euro reichen oder ob ich noch was abheben gehen soll: Einmal für hundert Euro blanke Wut. Und als ich endlich dran bin schreie ich die Kassiererin an, ob das denn reiche, für die Wut und die dicke Make-Up Schicht lächelt mich durch poröse Hautschichten an wie ein Stück der alten Leberwurst von der Bärtigen und hängt ihre Hautlappen über mich, erst den einen, dann den anderen und noch einen, bis ich versinke in der Haut der Kassiererin, die immer noch lächelt, ihr Deodorant noch zwischen den Armen klebend, riechend, nach hundsgeiler Schönheit im Moment der totalen Niederlage meiner Sinne.

Zuhause angekommen schreie ich nur noch, ich schreie, ich schreie, und meine Frau stopft mir mit drei Metern Anlauf ein riesiges Sandwich, vom Edeka, mit Eiern, vom Bio-Bauern und viel, viel Butter in den Hals, so dass ich erst denke, dass ich ersticke, dann aber, langsam, aber bewusst, kaue, kaue, kaue, und aus meiner Rage erwache. „Was war denn los“, fragt sie mit zu viel Verständnis. „Nichts“, sage ich, und denke, dass ich das nächste Mal vor dem Einkaufen etwas essen sollte.

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2 Kommentare zu Edeka-Triptychon

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