HUMOR: Der Schrecken der Reise

Die Suche nach dem Ausweg, oder:
Jung gebliebene weibliche 50er im Zug.

Ich habe ständig Pech. Wenn ich ins Kino gehe, ins Theater oder Konzert, kann ich sicher sein, dass neben mir irgendein Elch sitzt, der den ganzen Film, das ganze Stück, das gesamte Drama über röhrt, bis ich mich eigentlich nur noch auf meine eigene Wut konzentrieren kann.

Für mich geht es dann in jedem Drama, jedem Stück, jedem Konzert nur noch um eins: die Wut.

Man kann leider auch nichts tun, denn einfach zu gehen würde einen ja vielleicht etwas verpassen lassen. Zum Beispiel den Moment, in dem die ewig Sprechenden, ewig sich bewegenden, hüstelnden Bewohner der traurigen Taiga es einmal für fünf Minuten des puren Glücks schaffen, ihrem Charakter nicht zu entsprechen – und zu schweigen.

Bis dorthin wusste ich nicht, oder hatte es erfolgreich verdrängt, dass es eine schlimmere, unangenehmere und zudem noch völlig alternativlose (an dieser Stelle herzliches Dank an Frau Merkel) Situationen gibt.

Im Zug wird man ja per se dazu gezwungen, nah an Menschen zu sein, die man nicht kennt, und vor allem und schlimmer, auch eigentlich unter keinen Umständen kennenlernen will.

Man muss die Telefonate pubertierenden Blagen ertragen, das große Fressen der Manierlosen und viele weitere Unzulänglichkeiten, die der Zugfahrt dasselbe Thema geben wie dem Theaterstück, dem Kino, dem Konzert: die Wut.

Sie kennen die Wut genau wie ich. Aber ich habe sie sehr zu schätzen gelernt. Sie sitzt gerade neben mir und diktiert mir die Zeilen.

Denn: was schlimmer ist als alles, von dem diese Wut-Zeilen berichten, dass sin die ewig jung gebliebenen, sich ihrem Alter nicht entsprechend verhaltenden, sich zu saufenden weiblichen 50 Jahre alten Frauen der Marke „Ich-kann-noch“, die durch das Fehlen der Selbstreflektion nicht merken, dass die lustigen Witze unter der Gürtellinie und das ewige gegackere nicht nur peinlich ist, sondern dafür sorgt, dass sie wieder da sitzt: die Wut.

Und so zieht ein Mix zwischen schlechtem Atem und Alkohol, frischem Brötchen und alten Leben in meine Nase, zwischen ständigem zu lauten Lachen und ungewollt witzigen Kommentaren, die einen hoffen lassen, dass die Zugfahrt doch enden möge. Doch tut sie das nicht – für eine sehr lange Zeit, es ist voll, es gibt keinen Ausweg.

Aber es erscheint ein Licht am Horizont, es kommt auf mich zu und wird konkreter. Es ist ein Schatten, eine Ahnung von einer Person. Man kann das Gesicht nicht erkennen, aber schon weiß ich, wer es ist.

Es ist die Wut und sie hat etwas zum Schreiben dabei.

Ich kann nur sagen:

Danke ihr Labertaschen im Theater.

Danke ihr hustenden Elche im Kino.

Danke ihr flüsternden Ignoranten im Konzert.

Danke ihr jung gebliebenen Frauen im Zug.

Ihr macht einen weiteren Text möglich. Einen über Wut übers Schreiben und über Auswege.

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Ein Kommentar zu HUMOR: Der Schrecken der Reise

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